Jucken – Achtung, ansteckend!

Wenn Mäuse ein Video von sich kratzenden Mäusen sahen, kratzten sie sich ebenfalls. copyright: WU Center for the Study of Itch

 

Unwillkürlich wandert die Hand zum Hinterkopf. Ja, da, hinter dem Ohr, da juckt‘s bereits. Schon der Anblick des Schilds „Wir haben einen Fall von Läusen“ löst bei Kindergarteneltern Juckreiz aus. Wenn sich die Erstklässlerin dann beim Aufgabeschreiben am Kopf kratzt, tanzen bereits die Läuse auf unserem Kopf – zumindest gefühlt. Dass Juckreiz tatsächlich übertragen werden kann, und nicht etwa übertriebenes Mitgefühl ist, zeigte eine Anfang März im Wissenschaftsjournal Science erschienene Studie an Mäusen.

 

Allein beim Lesen der Studie kratzte ich mich häufiger, als je zuvor. Denn Jucken ist, wie Gähnen, ein ansteckendes Verhalten. Bisher wurde häufig angenommen, dass wir uns dabei bloß in den gähnenden, oder juckenden, Menschen einfühlen. Doch ForscherInnen des Washington University Center for the Study of Itch, einem Forschungszentrum, das sich ganz der Erforschung von Juckreiz verschrieben hat, fanden heraus, dass ansteckender Juckreiz bei Mäusen fast ein Reflex ist.

 

Dazu spielten die ForscherInnen Mäusen ein Video vor, in dem sich eine andere Maus kratzt. Innerhalb weniger Sekunden kratzten sich die Versuchsmäuse ebenfalls. Das überraschte die Forscher, erklärt Zhou-Feng Chen, Leiter der Studie: „Mäuse sind für ihre schlechte Sehkraft bekannt. Sie verwenden Gerüche und ihren Tastsinn, um Gegenden zu erkunden. Wir wussten daher nicht einmal, ob sie ein Video bemerken würden. Aber sie bemerkten es nicht nur, sie konnten auch feststellen, dass sich die Mäuse im Video kratzten.“

 

Während die Mäuse der kratzenden Maus zusahen, wurde eine Gehirnregion namens suprachiasmatischer Kern (SCN) sehr aktiv. Der SCN setzte den Botenstoff GRP frei. Diesen hatte Chen’s Team bereits 2007 als Übermittler von Juck-Signalen zwischen Haut und Rückenmark identifiziert. Blockierte das Team die Rezeptoren für GRP, so blieb auch das ansteckende Kratzen aus.

 

Für Chen ist das der Beweis, dass ansteckender Juckreiz ein Verhalten ist, das Mäuse nicht bewusst kontrollieren können: „Es ist ein angeborenes Verhalten und ein Instinkt. Wir haben gezeigt, dass ein einziger Botenstoff und ein einziger Rezeptor ausreichen, um dieses Verhalten auszuführen. Das nächste Mal, wenn Sie gähnen oder kratzen müssen, weil jemand anderes es tut, bedenken Sie – es ist keine Entscheidung, oder psychologische Antwort, diese Reaktion ist in ihrem Gehirn fest verdrahtet.“

 

Artikel: Molecular and neural basis of contagious itch behavior in mice; von Yao-Qing Yu, Devin M. Barry, Yan Hao, Xue-Ting Liu, und Zhou-Feng Chen in Science. Online erschienen am 10.3.2017  DOI: 10.1126/science.aak9748

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