Wissenschaft und Facebook – the good, the bad and the ugly

Facebook: eigentlich ein Ort für Katzenvideos, Urlaubsfotos und geteilte Buzzfeed-Artikel. Aber manchmal scheint die Social Media Seite nicht nur der Zeitverschwendung zwischen Experimenten, sondern auch der Wissenschaft zu dienen. Aber wie die Seite selbst spalten auch die Experimente die Geister. Hier sind drei wissenschaftliche Erkenntnisse, die mithilfe von Facebook erreicht wurden – ein Spektrum von nützlich, bedenklich, bedrohlich.

 

The good…

Bei einer Wanderung im Bundesstaat Minas Gerais, Brasilien, fotografierte Hobbybotaniker und Orchideenliebhaber Reginaldo Vasconcelos einige Pflanzen. Und tat, was man heutzutage beim Wandern so tut: er postete die Fotos auf Facebook. Drei Jahre später gilt er als Entdecker einer neuen Pflanzenart. Und keiner besonders gewöhnlichen, sondern der zweitgrößten fleischfressenden Pflanze Südamerikas, die nun im Fachmagazin Phytotaxa beschrieben wurde.

Drosera magnifica, Foto von Fernando Rivadavia

Drosera magnifica, Foto von Fernando Rivadavia

Der „prächtige Sonnentau“, Drosera magnifica, ist die erste Pflanze, die auf Facebook entdeckt wurde. Experten identifizierten die fotografierte Pflanze sofort als neue Art. Dass sie erst 2013 entdeckt wurde, ist erstaunlich. Nicht nur, weil sie wie ihr Name sagt, „prächtig“ und mit bis zu 1,5 Metern Länge schwer zu übersehen ist. Ihren bergigen Fundort, den Pico Padre Ângelo , beschreiben die Autoren auch als nicht besonders abgelegen.

Mit einem Gewirr aus bis zu 24 cm langen, fadenförmigen Tentakeln fängt Drosera magnifica Insekten bis zur Libellengröße. Die glitzernden, klebrigen Tentakel und Blätter umschließen die Beute, bis sie im Schleim erstickt. Mit den tierischen Nährstoffen kompensiert der Sonnentau die Nährstoffarmut der Böden, auf denen er wächst.

Kaum entdeckt, ist der prächtige Sonnentau schon bedroht. Er findet sich nur noch auf einem einzigen Berggipfel, umringt von Rinderfarmen, Kaffeeplantagen und Eukalyptus-Pflanzungen. Invasive, fremde Pflanzenarten wachsen entlang des Wegs zum Gipfel, der von keinem Nationalpark oder Reservat geschützt ist. Drosera magnifica wurde wahrscheinlich rechtzeitig vor dem Aussterben gepostet und geteilt.

 

the bad..

Für viel Aufruhr sorgte ein psychologisches Experiment auf Facebook, das die Gefühlslage des „Newsfeeds“ manipulierte. Bei fast 700,000 NutzerInnen filterte Facebook, ohne ihr Wissen, die Übersicht über Kommentare, Videos, Bilder und Links von anderen in ihrem sozialen Netzwerk, wie sie 2014 im Journal PNAS gemeinsam mit WissenschaftlerInnen der Universitäten Cornell und University of California berichteten.

Bei einem Teil der Nutzer reduzierte Facebook den„positiven emotionalen Inhalt“. Diese Nutzer posteten selbst weniger positive Inhalte. Umgekehrt wurde beim anderen Teil der „negative emotionale Inhalt“ reduziert, sie posteten wiederum weniger negative Inhalte. Die Schlussfolgerung ­­der Studie: Gefühle unserer Freunde können auch über soziale Netzwerke, also ohne persönlichen Kontakt und nonverbale Gesten, über das sogenannte „emotional contagion“ unsere Gefühlslage beeinflussen.

Eine weitere Schlussfolgerung für Facebook dürfte gewesen sein, dass Manipulation ohne Zustimmung zu shitstorms führt. Kein Nutzer weiß, ob er oder sie selbst eine „Laborratte“ für Facebook war oder immer noch ist. Dass Facebook testet, welche Inhalte im Newsfeed gezeigt werden, war wohl vielen Nutzern klar. Denn nur so kann die Firma ihr Haupt-Produkt, Werbeklicks, maximieren. Der Shitstorm braute sich vermutlich deshalb zusammen, weil es uns Nutzern einen sehr deutlichen Einblick darin gab, was Facebook wirklich kann: tief in unserer Privatsphäre unsere Gefühlswelt zu manipulieren.

 

 … and the ugly.

Auf dieser Ebene spielte sich auch das, meiner Meinung nach, bedenklichste Facebook-Experiment ab.  Während der sogenannten midterm-Wahlen 2010 zum US-Repräsentantenhaus testeten Forscher der University of California gemeinsam mit Facebook, ob es seine Nutzer zur Wahl animieren könnte.

"Ich habe gewählt" Button, wie er Nutzern gezeigt wurde.

“Ich habe gewählt” Button, wie er Nutzern gezeigt wurde.

(Wie sie in einer Studie in Nature berichteten.) Bei diesem Experiment dienten alle 61 Millionen AmerikanerInnen im Wahlalter, die am Wahltag Facebook besuchten, als Testpersonen. Sie wurden in drei Kategorien eingeteilt. Die Gruppe von rund 60 Millionen NutzerInnen erhielten eine Nachricht, „Heute ist Wahltag“. Darin befand sich ein Button, „Wähle“, der Informationen zur Wahl und zum Wahllokal lieferte, sowie Fotos von bis zu sechs Freunden, die bereits „Ich habe gewählt“ geklickt hatten. Eine zweite Gruppe von ca 600,000 NutzerInnen erhielten ebenfalls einen Aufruf, zur Wahl zu gehen, und wie sie ein Wahllokal fänden. Allerdings bekamen sie keine Information, ob Freunde bereits gewählt hatten. Die Kontrollgruppe von auch ca 600,000 NutzerInnen erhielten keine Nachricht.

 

Die ForscherInnen analysierten dann die Wahldaten um zu sehen, wer tatsächlich gewählt hatte. NutzerInnen der ersten Gruppe wählten etwas häufiger als die der anderen Gruppen, mit etwa 60,000 zusätzlichen Stimmabgaben. Außerdem verbreitete sich der Aufruf zur Wahl vermutlich wieder per „emotional contagion“.  Nutzer der ersten Gruppe klickten auch häufiger selbst auf „Ich habe gewählt“. Das führte dazu, dass auch ihre Freunde eher wählten. Auf dieses Konto gingen ca. 280,000 weitere zusätzliche Stimmabgaben. Die ForscherInnen mutmaßten sogar, dass ihr Experiment zu vermutlich noch mehr Stimmabgaben geführt hatte. Denn sie konnten nur die Stimmen verifizieren, bei denen die Wähler auf Facebook auch ihren Klarnamen als Nutzernamen führen.

 

340,000 zusätzliche Stimmen durch Facebook klingen angesichts der US-Gesamtwählerschaft von 96 Millionen (Stand 2010) nach nicht besonders viel. Die Studienautoren nehmen an, dass sowohl republikanische als auch demokratische Wähler gleich auf den „Wahlaufruf“ reagiert haben. Dass Facebook die Macht hätte, den Ausgang einer Wahl signifikant zu beeinflussen, ist wohl kein zu weit hergeholtes Szenario. Um aus unseren Posts, Freunden und Gruppen auf unsere politische Einstellung zu schließen, bedarf es kaum komplizierter Algorithmen. Mit einem gezielten Aufruf zur Wahl an Unterstützer einer Partei könnten Zuckerberg und co. Wahrscheinlich zusätzliche Stimmen lukrieren. Und George W. Bush gewann den Präsidentschaftswahlkampf 2000 mit einem Abstand von nur 537 Stimmen in Florida.

 

 

 

 

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